Freitag, 25. April 2014

Dankbar!

Sonnenschein, die Zeit steht still, was bleibt?...

lange habe ich nichts von mir hören lassen, aber ich wurde an anderer Stelle gebraucht. Familie, etliche Projekte und viele junge Menschen, die nach mir verlangten. Die Arbeit war präsenter denn je. Jugendarbeit legt man nicht wie einen Arbeitskittel ab, man begleitet, fordert und fördert, auch über die eigentliche Arbeitszeit hinaus. Täglich sprudelt das Leben um einen herum mit Spiel und Spaß, aber auch mit Sorgen und Ängsten. Andere flüchten vor pupertierenten Jugendlichen, mich ziehen sie magisch an. Ein spannendes, prägendes Alter, in dem man so viel entdecken, miterleben, mitfühlen kann. Inzwischen habe ich schon so einige Kinder heranwachsen sehen und durfte miterleben, was aus ihnen geworden ist, erste Liebe, Schulabschluss, Konfirmation, Bewerbung, Ausbildung, eigene kinder ... das macht meinen Beruf so schön und einzigartig. Freumomente in Massen und damit meine Nummer eins der wöchentlichen Freumomente. Die eigentlich, wenn man es ganz genau betrachtet, ja nicht nur in dieser Woche passiert sind. Ich hoffe trotzdem, dass ich bei Viktoria meine Momente der Erinnerung wegen ihrer Präsenz in dieser Woche teilen darf.

Wenn sich in die Reihe des "Aufwachsensehens" am Ende der Tod reiht ist man schockiert, sprachlos, überwältigt, traurig. Das passt nicht! Nicht in meine Arbeit! Klar, wenn man mit alten Menschen zusammen arbeit muss man damit rechnen, aber ich doch nicht. Nach einem Jahr Hoffen und Bangen ist Waleri letzte Nacht gestorben. Als ich ihn kennen gelernt habe, kam ich frisch aus der Ausbildung, als junger Hüpfer hinein in die Offene Arbeit. "Böse" Jugendliche erwarteten mich, die gucken so gemein, sind gewalttätig, nehmen alle Drogen und trinken zu oft mal einen oder auch zwei über den Durst. Was mach ich denn, wenn die sich schlagen? Die respektieren mich doch nie!

Er war mein Lichtstreif am Horizont, immer höflich und dankbar. Bitte und Danke musste man ihm nicht lernen, beim Reinkommen gab er mir die Hand und beim Gehen verabschiedete er sich. Dazu muss man sagen, dass mich die Anderen ignorierten. Aber ich wurde sicherer, ich bekam Hoffnung was die Jugend von heute angeht. Was einer schafft, müssen die anderen doch auch können. Was soll ich sagen, nach einem halben Jahr konnten es alle. Freumoment zwei ist die Erkenntnis, dass es noch Hoffnung gibt für die Jugend von heute. Manchmal schafft es einer die Welt zu verändern, im kleinen, aber für mich wars das größte.

Waleris Familie war im letzten Jahr immer bei ihm, seine 4 Brüder, seine Neffen, seine Eltern, seine Frau und seine kleine Tochter. Sie haben sein Haus gebaut. Was er nicht konnte haben sie übernommen und bis zum Schluss bei ihm gesessen. Er hatte einen unbändigen Lebenswillen bis zum Schluss. Für sich, aber besonders auch für seine Familie wollte er leben. Ich habe heute, in der letzten Woche so viel Liebe in dieser Familie gesehen. Diese Liebe ist so grenzenlos, selbstlos, uneigennützig und voller Dankbarkeit, dass ich sie zu meinem Freumoment Nummer drei machen möchte. So ist Familie gedacht. Wenn es hart auf hart kommt sind alle da. Ich freu mich für ihn, dass er diese Liebe in seinem Leben und seinem Sterben spüren durfte.

Dankbarkeit macht sich breit. Tief drinnen lächle ich und freu mich über jede Erinnerung und die vielen Erlebnisse mit ihm. Manchmal war er grummelig, dass war immer lustig für alle anderen. Manchmal war er hilflos und wir konnten helfen, manchmal war ich hilflos und er konnte helfen. Oft hat er sich gefreut und uns mitfreuen lassen. Nie war er hoffnungslos (höchstens mal hoffnungslos verliebt). Einfach ein toller Mensch und ich bin glücklich, dass ich ihn kennenlernen durfte. Ohne sein Wissen hat er sich fest in meine Lebensgeschichte geschrieben - DANKE - Freumoment Nummer vier.

Was bleibt? Immer wieder stoße ich an Grenzen. Kinder, die schwere Schicksale erleben, Situationen, in denen ich nicht weiter weiß, die sich meinem Einflussbereich entziehen und nun auch der Tod. Ich bin glücklich darüber, dass ich mein Herz bei Gott ausschütten kann, dass meine Grenzen nicht Gottes Grenzen sind. Sogar der Tod ist überwunden, die Osterbotschaft schreibt sich nochmals tief in mein Herz. Freumoment Nummer fünf ist diese erkenntnis und ich kann nicht anders, als sie mit einem Zitat von Kirchenvater Hieronymus zu bekräftigen:

Wir wollen nicht trauern, dass wir ihn verloren haben,
sondern dankbar dafür sein, dass wir ihn gehabt haben,
ja, auch jetzt noch besitzen: denn wer heimkehrt zum Herrn,
bleibt in der Gemeinschaft der Gottesfamilie
und ist nur vorausgegangen.